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const CH7_PAGES = [
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      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - very low background: the electric hum of a secured corridor, muffled breathing, then one dry gunshot, close]">[AUDIO - very low background: the electric hum of a secured corridor, muffled breathing, then one dry gunshot, close]</div>
      <p>Der Schuss zerbrach die Stille. Ein einzelner Schuss. Scharf. Nah. Die Art von Geräusch, das nie wirklich den Filmen ähnelt. Nicht breit, nicht glorreich, nicht spektakulär. Im echten Leben knallt eine Kugel wie eine unumkehrbare Entscheidung. Sie nimmt für eine Sekunde den ganzen Raum ein, hinterlässt dann eine Leere, zu groß. Eden stellte sich vor Selene, bevor sie überhaupt verstand, dass sie zurückgetreten war. Nicht gegen sie. Vor ihr. Winziger Unterschied. Enormer Unterschied. Die Tür zum schwarzen Büro blieb geschlossen, aber dahinter hatte der Korridor seine Natur verändert. Er war kein Durchgang mehr. Er war eine Bedrohung mit Winkeln geworden. Livia schaltete den Bildschirm mit einer schnellen Bewegung aus. Die beiden zuverlässigen Männer, bis zum Gegenbeweis, zogen ihre Waffen. Selene hörte das diskrete Klicken eines überprüften Magazins, das Scharren einer Sohle auf dem Boden, Edens Atem im Raum. Sie hätte Angst haben sollen. Sie hatte Angst. Aber ein anderer Gedanke, kälter, kreuzte vor allen anderen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Noe, sagte sie. Eden drehte nicht den Kopf.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Er ist auf Ebene minus zwei. Unter Bewachung.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Das ist keine Antwort auf das, was ich gerade gefragt habe.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich weiß. Ein zweites Geräusch ertönte im Korridor. Kein Schuss. Ein Körper, der gegen eine Wand prallte. Dann eine gedämpfte Stimme. Dann nichts.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - a dull impact behind a door, hurried footsteps cutting off abruptly]">[AUDIO - a dull impact behind a door, hurried footsteps cutting off abruptly]</div>
      <p>Selene spürte, wie sich ihre Haut über den Knochen zusammenzog. Eden hob zwei Finger. Livia öffnete einen Audiokanal auf ihrem Headset. Die Stimme eines Mannes krachte:</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Eindringling neutralisiert. Ein Sicherheitsmann verletzt. Er trug eine weiße Maske. Weiße Hand. Der Name ging durch den Raum, ohne ausgesprochen zu werden. Selene sah Eden an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie sind bereits in Ashfall drinnen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie hatten hier schon immer Türen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und das erkennst du erst jetzt? Der Satz war unfair. Sie wusste es in dem Moment, als sie ihn sagte. Eden korrigierte sie nicht. Er öffnete die Tür.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Bleib hinter mir. Dieses Mal antwortete sie nicht Nein. Nicht weil sie die Position akzeptierte. Weil sie sehen wollte, was er vor ihr zu verbergen versuchte, bevor sie sich entschied, wo sie stehen würde.</p>
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      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - heavy door opening, cold corridor, neon lights vibrating very slightly]">[AUDIO - heavy door opening, cold corridor, neon lights vibrating very slightly]</div>
      <p>Der Korridor roch nach Schießpulver. Und Blut. Selene hatte vor dieser Nacht nie verstanden, dass Blut Wärme in seinem Geruch hatte. Etwas Metallisches, ja, aber auch lebendig, fast intim. Ein Beweis, dass der Körper nach Gewalt immer noch besteht. Einer von Edens Männern lehnte an der Wand, eine Hand auf seine Schulter gepresst. Livia kniete sofort neben ihm nieder. Weiter unten hielten zwei Wachen einen Mann mit einer weißen Maske auf dem Boden. Oder was von seinem Bewusstsein übrig war. Die Maske war schief gerutscht. Ein schmaler Mund war sichtbar, Blut an den Zähnen, ein frisch rasierter Kinn. Kein Soldat. Kein Schläger. Ein sauberer Mann. Zu sauber. Dunkler Anzug. Helles Hemd. Polierte Schuhe. Saubere Monster, hatte Selene gesagt. Sie hatte sich nicht vorgestellt, wie wörtlich es sein würde. Eden hockte sich vor ihn.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wer hat dir die Tür geöffnet? Der Mann lächelte trotz des Blutes.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ihr solltet die Zimmer besser abschließen, in denen ihr tote Mädchen versteckt. Eden bewegte sich nicht. Selene spürte, wie sich der Satz unter ihre Haut pflanzte. Tote Mädchen. Irina. Ihre Mutter. Sie. Vielleicht alle. Eden nahm die weiße Maske zwischen zwei Finger und entfernte sie vollständig.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Name. Der Mann lächelte weiter.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ihr kennt die Namen schon. Deshalb habt ihr Angst.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich frage nie zweimal, weil mir die Fantasie fehlt. Edens Stimme war leise. Nicht bedrohlich im üblichen Sinne. Schlimmer. Sie war von allem entleert, was den anderen Mann bitten könnte nachzugeben. Selene machte einen Schritt. Eden sah sie nicht an, aber er wusste, dass sie sich bewegt hatte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Bleib, wo du bist. Sie gehorchte. Nicht für ihn. Für sich selbst. Sie wollte sehen, was aus Eden wurde, wenn er nicht versuchte, ihr nur die kontrollierbaren Teile seiner Gewalt zu zeigen. Der Mann spuckte Blut auf den Boden.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Hat sie das Lied? Selene wurde kalt. Eden auch. Der Mann lachte leise.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Natürlich hat sie es. Ihr Vater hat es ihr in den Kopf gepflanzt wie ein Gebet. Oder wie eine Bombe. Väter nennen das Liebe. Eden stand auf. Ein Wachmann reichte ihm die Waffe des Eindringlings in einer Plastik-Beweistüte. Dann einen Gegenstand. Ein kleines graues Notizbuch. Eden öffnete es. Ein einzelner Satz auf der ersten Seite. Zimmer 7. Kein Schloss. Sie weiß, wo sie suchen muss. Selene spürte, wie ihr die Nummer im Hals stecken blieb.</p>
    ` },
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      <p class="dialogue">&mdash; Zimmer sieben? Eden schloss das Notizbuch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Eden.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wenn es mich betrifft, hast du nicht mehr das Recht, Nein zu sagen. Endlich drehte er sein Gesicht zu ihr. Etwas in ihm wehrte sich. Nicht gegen sie. Angst.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Es betrifft Irina. Dann nahm der Satz eine andere Farbe an. Zimmer 7. Kein Schloss. Sie weiß, wo sie suchen muss. Selene verstand, dass ihnen nicht nur ein Eindringling geschickt worden war. Ihnen war eine Richtung geschickt worden. Und vielleicht eine Falle. Beides konnte wahr sein. In Ashfall waren sie es fast immer.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - old elevator descending, low metallic vibration, held breath]">[AUDIO - old elevator descending, low metallic vibration, held breath]</div>
      <p>Zimmer 7 war nicht im Gästeflügel. Es war im alten Teil von Ashfall, dem, den der Club seinen Kunden nicht zeigte und von dem das Personal sprach wie von einem kranken Organ, das zugemauert worden war, ohne je wirklich entfernt worden zu sein. Eden wollte allein gehen. Selene lachte. Nicht weil es lustig war. Weil es zur Interpunktion zwischen ihnen geworden war.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du bist müde.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du auch. Und trotzdem machst du immer noch den Mann-in-Schwarz-Ding in den Korridoren.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Dieser Teil des Gebäudes ist nicht sicher.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Kein Teil dieses Gebäudes ist sicher. Wenigstens hat dieser hier die Ehrlichkeit, keine überteuerten Tischdecken darüber zu werfen. Livia, damit beschäftigt, die Wunde des Wachmanns zu verbinden, sah zu Eden auf.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie wird trotzdem gehen. Eden warf ihr einen Blick zu. Livia senkte nicht den Blick. Selene notierte die Information: Livia war vielleicht eine der wenigen Menschen, die Eden widersprechen konnten, ohne dass der Raum sich darauf vorbereitete, jemanden zu begraben. Sie fuhren in einem alten Aufzug hinunter, schmaler als die anderen. Die Wände waren aus dunklem Metall, an Stellen zerkratzt. Selene sah sich in der Spiegelung: Maske abgenommen, Lippenstift fast weg, schwarzes Kleid, angespannte Schultern, Augen zu hell. Sie sah aus, als spiele sie eine Rolle, die sie nicht rechtzeitig gelernt hatte. Eden, neben ihr, hielt das graue Notizbuch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du hast Angst, dorthin zurückzugehen, sagte sie.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja. Die direkte Antwort überraschte sie immer noch, nach allem.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Warum? Er beobachtete die Aufzugsnummern sinken.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Weil ich fünfzehn Jahre lang die Räume gemieden habe, in denen Irina noch lebendiger war als ich. Der Satz schnitt jedes Verlangen zu antworten ab. Selene senkte den Blick auf ihre Hände.</p>
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      <p class="dialogue">&mdash; Meine Mutter ist auch überall, manchmal.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wo?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Im Regen. In der Lilie. Auf nassen Straßen. In Leuten, die sagen, Unfälle passieren. Der Aufzug vibrierte. Eden drehte leicht den Kopf zu ihr.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie passieren nicht immer.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und wenn sie nicht passieren, verursacht sie jemand. Die Tür öffnete sich, bevor sie antworten konnte.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - rusty elevator door, damp draft]">[AUDIO - rusty elevator door, damp draft]</div>
      <p>Die Luft im Korridor war anders. Kälter. Älter. Sie roch nach feuchtem Stein, Staub, zu lange versiegeltem Holz und irgendwo sehr tief darunter, Feige. Selene blieb stehen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Riechst du das?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Was?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Feige. Eden blickte den Korridor entlang.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Hier? Sie nickte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Schwach. Alt. Aber ja. Feige. Eingeschlossener Zufluchtsort. Natürlich.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - spaced drops of water, slow steps on stone, discreet fabric rustle]">[AUDIO - spaced drops of water, slow steps on stone, discreet fabric rustle]</div>
      <p>Der Korridor, der zu Zimmer 7 führte, war schmaler als die anderen. Nicht dekoriert. Nicht renoviert. Hier hörte Ashfall auf, etwas vorzutäuschen. Die Wände trugen noch die Spuren der alten Bank: Nummern- schilder, Panzertüren, leere Rahmen, wo einmal Sicherheitshinweise gehangen haben mochten. Zimmer 7 war am Ende. Die Tür war aus hellem Holz. Nicht gepanzert. Nicht aus Metall. Fast gewöhnlich. Das war es, was sie beunruhigend machte. Kein Schloss. Nur ein runder Griff, abgenutzt von der Zeit. Selene las die Nummer darüber. 7. Eden berührte die Tür nicht. Seine Hand schwebte nahe am Griff, bewegungslos.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du hast sie nie wieder geöffnet?, fragte sie.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; In fünfzehn Jahren?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Seit dem Feuer. Das Wort veränderte die Temperatur des Korridors. Selene sah auf die Tür.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; War es ihr Schlafzimmer?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Ein Schweigen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Es war der Ort, an den sie kam, wenn sie nicht gefunden werden wollte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ohne Schloss?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Irina sagte immer, eine verschlossene Tür zieht Leute an, die Schlüssel besitzen mögen. Eine Tür ohne Schloss gibt die Illusion, dass es nichts zu holen gibt. Selene spürte, wie der Satz sanft in sie eindrang. Eine Tür ohne Schloss. Wie ihr eigenes Zimmer. Wie ihr falscher Zufluchtsort. Wie alles, was Eden Sicherheit zu nennen versuchte, ohne die Gitter entfernen zu können.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie war klug, sagte Selene. Eden senkte den Blick.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Klüger als ich.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Das ist nicht schwer. Der Satz kam automatisch heraus. Ein Abwehrmechanismus. Aber diesmal lächelte Eden fast. Fast.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Er öffnete die Tür.</p>
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      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - old handle, door creaking very slightly, a silence opening]">[AUDIO - old handle, door creaking very slightly, a silence opening]</div>
      <p>Zimmer 7 sah nicht wie ein Schlafzimmer aus. Nicht wirklich. Es war ein kleiner Raum mit Wänden aus alter Holzvertäfelung. Ein niedriges Sofa nahm eine Ecke ein. Ein runder Tisch. Zwei Sessel. Regale. Eine alte grüne Bankerlampe auf einem Schreibtisch. Kein Bett. Und doch war die Intimität des Ortes sofort spürbar. Nicht sexuell. Gefährlicher. Es war ein Raum, der dafür gemacht war, eine Maske abzunehmen, wenn niemand das Recht hatte, das Gesicht darunter zu sehen. Auf dem Tisch hatte jemand eine Kerze platziert. Feige. Nicht angezündet. Aktuell. Selene musste nicht näher kommen, um es zu wissen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Jemand war hier, sagte sie. Eden sah die Kerze an. Sein Gesicht verschloss sich.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nach dem Feuer wurde dieser Raum versiegelt.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Von wem?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Mir.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Also hat jemand dein Siegel gebrochen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Er ging zum Türrahmen. Eine dünne schwarze Linie war dort noch sichtbar, fast intakt.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie wurde mit meiner Autorisierung geöffnet. Selene spürte, wie sich die Falle zuzog.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du hast sie nicht gegeben.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Also kann jemand in deinem Namen deine Autorisierung geben. Eden antwortete nicht. Diese Antwort war ohne Worte erschreckend genug.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - a very faint breath of old videotape, almost imperceptible]">[AUDIO - a very faint breath of old videotape, almost imperceptible]</div>
      <p>Selene trat als Erste ein. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht, weil Eden zum ersten Mal unfähig schien, eine Schwelle ohne Erlaubnis zu überschreiten. Vielleicht, weil sie es leid war, hinter den traumatisierten Männern in ihrem Leben zu stehen, während sie entschieden, was sie mit ihren Geistern tun sollten. Das Zimmer roch nach Feige. Nicht wie die Vertragskerze. Diese war älter, trockener, mit einer Note von Papier, Holz und vergessener Frucht. Ein Sommerfeigenbaum, eingeschlossen in einem Winterzimmer. Selene folgte dem Duft zum Regal. Hinter einer Reihe von Büchern fand sie einen Videorekorder.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Eden. Endlich kam er herein. Sein Blick fiel auf das Gerät. Dann auf die Kassette, die davor lag. Ein weißes Etikett. Für meinen Bruder, wenn er aufhört, sich wie ein bewaffneter Idiot zu benehmen. Selene las den Satz. Dann sah sie Eden an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie klingt charmant. Edens Mund zitterte fast.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; War sie. Er bewegte sich nicht auf die Kassette zu. Selene verstand. Dies war kein Beweisstück für ihn. Es war eine Auferstehung. Und Auferstehungen sind gewalttätig, wenn man keine Zeit hatte, die Toten zurückzuwollen.</p>
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      <p class="dialogue">&mdash; Ich kann sie einlegen, sagte sie. Er schloss die Augen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja. Sie legte die Kassette ein. Der alte Bildschirm in der Ecke ging nach drei Versuchen an. Blaues Bild. Schnee. Rauschen. Dann erschien Irina Veyr. Jung. Lebendig. Auf genau dem Sofa hinter ihnen sitzend. Ihr blondes Haar war ohne Sorgfalt gebunden, sie trug einen übergroßen grauen Pullover und hatte Schatten unter den Augen. Sie sah nicht aus wie eine Mafia-Erbin. Sie sah aus wie ein Mädchen, das erschöpft war, weil es zu früh verstanden hatte, dass ihre Familie eine Maschine war, die gebaut war, um andere zu zermalmen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Eden, sagte sie auf dem Bildschirm, wenn du das siehst, bedeutet es, dass du endlich aufgehört hast zu glauben, du seist nützlicher, wenn du wütend bist, als wenn du intelligent bist. Selene warf einen Blick auf Eden. Er war regungslos. Verwüstet mit Eleganz. Irina fuhr fort:</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Mach nicht dieses Gesicht. Ja, ich weiß genau, welches Gesicht du machst. Das, bei dem du aussiehst, als wolltest du ein Möbelstück töten, weil es deine Gefühle belauscht hat. Ein Atemzug entwich Eden. Kein Lachen. Noch nicht. Aber etwas. Selene spürte, wie sich ihre eigene Kehle zusammenzog. Irina hob eine Kerze zur Kamera. Feige.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wenn du in diesem Raum bist, dann hat dich jemand hierher geschickt. Traue weder der Person, die dir die Spur gegeben hat, noch der Leichtigkeit, mit der du ihr folgen wolltest. Zimmer 7 war mein Zufluchtsort, weil alle glaubten, es sei nutzlos. Das ist es nicht. Das Bild knackte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Die Moreaus stehen im Zentrum. Nicht weil sie unschuldig sind. Weil sie versuchten, aus dem System auszusteigen, nachdem sie ihm gedient hatten. Adrien hat die Codes erschaffen, ja. Aber er hat auch ihren Fehler erschaffen. Selene trat näher an den Bildschirm. Ihr Vater. Wieder. Immer gefangen zwischen Monster und Schutzschild.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Claire weiß, wo die Kopien sind, fuhr Irina fort. Wenn sie stirbt, rede ich. Wenn ich sterbe, redet sie. Wenn wir beide sterben ... Irina sah direkt in die Kamera.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Dann wird das Mädchen singen. Selene spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. Das Lied. Immer das Lied.</p>
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      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - videotape static, a very discreet dull beat, like a distant heart]">[AUDIO - videotape static, a very discreet dull beat, like a distant heart]</div>
      <p>Irina beugte sich zur Kamera.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Selene Moreau ist acht Jahre alt, während ich dies aufnehme. Wenn alles gut geht, wird sie es nie erfahren müssen. Wenn alles schiefgeht, Eden, wirst du tun müssen, was du am wenigsten kannst: jemanden beschützen, ohne sie zu besitzen. Eden wandte das Gesicht ab. Der Satz hatte ihn so genau getroffen, dass Selene fast für ihn schmerzte. Fast. Irina lächelte traurig.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja, ich weiß. Erschreckend. Eine Frau, die dir nicht gehört. Atme, kleiner Bruder. Dieses Mal lachte Eden. Sehr leise. Zerbrochen. Selene sah ihn an. Sie hätte nicht sollen. Dieser Schmerz war nicht ihrer. Aber sie sah ihn trotzdem: den Teenager im Mann, den Bruder im Kriminellen, die Wunde unter dem Anzug. Irina stellte die Feigen-Kerze auf den Tisch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Feige bedeutet eingeschlossener Zufluchtsort, aber Vater sagte immer, eine Falle kann umgedreht werden, wenn man weiß, wo man seinen Fuß hinsetzt. Zimmer 7, drittes Regal, titelloses Buch. Eden, lass Valere es nicht öffnen. Ich flehe dich an. Wenn Valere noch in deiner Nähe ist, wenn du dieses Video findest, dann hast du bereits zu lange gewartet. Das Video brach abrupt ab. Blauer Bildschirm. Stille.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - tape stopping abruptly, heavy silence]">[AUDIO - tape stopping abruptly, heavy silence]</div>
      <p>Selene und Eden blieben still. Dann, gemeinsam, sahen sie zum dritten Regal. Ein titelloses Buch. Schwarzer Einband. Eden machte einen Schritt. Selene hob eine Hand.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Warte. Er blieb stehen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie sagte, dieser Raum sei eine Falle, die man umdrehen kann.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Also ist es vielleicht immer noch eine Falle. Eden sah sie an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du beginnst, wie wir zu denken.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Das sollte dich beunruhigen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Tut es. Sie näherte sich dem Buch, zog es aber nicht. Sie tastete herum. Holz. Staub. Feige. Und etwas anderes. Ein sehr dünner Duftfaden.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Beeren, murmelte sie.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Eingang.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Oder Auslöser. Eden fuhr mit der Hand am Regal entlang, ohne das Buch zu berühren.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Alter Mechanismus.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du kennst ihn?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Dies war eine Bank. Sekundärtresore nutzten versteckte Drucksysteme.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Also, wenn wir falsch daran ziehen, was passiert?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Alarm. Abriegelung. Gas. Vielleicht nichts.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du bist schrecklich im Beruhigen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich weiß. Selene suchte weiter. Dann verstand sie. Das titellose Buch war nicht der Griff. Es war der Köder. Der wahre Mechanismus war die Feigen-Kerze auf dem Tisch. Sie kehrte zu ihr zurück.</p>
    ` },
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      <p class="dialogue">&mdash; Irina sagte, sie habe die Falle im Zufluchtsort platziert. Nicht im Regal. Eden folgte ihr. Selene hob die Kerze an. Unter dem Sockel waren fünf kleine Kreise eingraviert. Beeren. Rosen. Feige. Tuberose. Lily. Ein Code. Natürlich.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie spricht immer noch durch Düfte, sagte Selene.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wie dein Vater.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Sie studierte die Kreise.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wie jemand, der wusste, dass mein Vater Worte verraten könnte, aber nicht Gerüche.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - tiny clicks from an old mechanism, wax rubbing against metal]">[AUDIO - tiny clicks from an old mechanism, wax rubbing against metal]</div>
      <p>Selene rekonstruierte die Sequenz. Nicht mit Sicherheit. Mit Intuition. Der Raum war Feige. Die Spur war durch Rosen geöffnet worden. Die Gefahr kam von Beeren. Irina hatte gesprochen, die Toten nicht schweigen zu lassen: Lily. Aber der Raum war ein Zufluchtsort, kein Grab. Sie musste mit Feige beginnen. Dann Beeren. Dann Rosen. Dann Lily. Und besonders nicht Tuberose. Warum? Weil Tuberose in diesem System nicht nur Verlangen war. Es war der Raum, der benutzt wurde, um zu kaufen, zu kompromittieren, zu erpressen. Irina hatte ihn deutlich gewarnt: lass Valere es nicht öffnen. Valere war Tuberose. Die Transaktion. Die sexuelle Falle. Das saubere Lächeln vor schmutzigen Türen. Selene drückte die Kreise. Feige. Beeren. Rosen. Lily. Ein Klick ertönte. Dann ein zweiter. Das Regal entriegelte sich.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - slow wall mechanism, stone or wood sliding]">[AUDIO - slow wall mechanism, stone or wood sliding]</div>
      <p>Hinter dem titellosen Buch erschien ein Geheimfach. Innen: eine Kassette, ein Foto, ein kleines grünes Notizbuch und ein Ring. Eden nahm den Ring. Sein Gesicht veränderte sich.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; War es Irina?, fragte Selene.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja. Nicht mehr. Er fuhr mit dem Daumen über das Band, als fürchte er, es durch zu nahes Atmen zu beschädigen. Selene nahm das Foto. Irina und Claire. Wieder. Aber dieses Mal war eine dritte Person da. Adrien Moreau. Selenes Vater. Er hielt die kleine Selene in seinen Armen. Sie musste sechs oder sieben gewesen sein. Sie lachte. Claire sah in die Kamera. Irina sah Adrien an, und in ihrem Blick lag etwas, das Selene nicht sofort benennen konnte. Vertrauen. Vielleicht. Oder eine letzte Warnung. Auf der Rückseite ein paar Worte: Wenn er versagt, bestrafe das Kind nicht für die Feigheit des Vaters. Selene spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Sie hatte die letzten Stunden damit verbracht zu fürchten, ihr Vater sei ein Monster. Dieser Satz sprach ihn nicht frei. Er machte das Monster nur menschlicher. Was, auf eine Art, viel grausamer war.</p>
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      <p class="dialogue">&mdash; Lies das Notizbuch, sagte Eden. Sie öffnete es. Irinas Handschrift. Schnell. Nervös. Valere weiß, dass die Weiße Hand nicht überleben wird, wenn die fünf Codes mit den fünf Todesfällen verbunden sind. Er braucht Eden im Krieg mit den Orsinis, um die Archive zu öffnen, ohne auf sein eigenes Haus zu sehen. Althea lässt ihn gewähren, weil sie immer noch glaubt, sie könne das System nach dem Feuer zurückgewinnen. Adrien will fliehen, aber er hat Angst um Claire und die Kinder. Er ist schuldig. Er ist auch gefangen. Beide Wahrheiten müssen zusammenbleiben. Selene las den letzten Satz noch einmal. Beide Wahrheiten müssen zusammenbleiben. Sie hasste ihn. Weil er richtig war.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - distant rain behind thick walls, very low, almost imaginary]">[AUDIO - distant rain behind thick walls, very low, almost imaginary]</div>
      <p>Die Kassette im Geheimfach war nicht für Eden. Das Etikett sagte: Für Claire. Falls ich nicht rauskomme. Selene hielt sie zwischen den Fingern.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie ist für meine Mutter.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie hat sie nie gesehen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Die Stille im Raum wurde schwer von einem Schmerz, der nicht mehr wusste, zu welcher Familie er gehörte. Selene hätte sie nicht ansehen mögen. Aber sie wusste bereits, dass sie es tun würde. Es gibt Wahrheiten, die man nur aufschiebt, um die Illusion zu bewahren, man habe den Moment gewählt. Sie legte die Kassette ein. Irina erschien wieder. Dieses Mal weinte sie. Nicht viel. Nicht hübsch. In Filmen weinen Menschen, als wäre Trauer choreografiert worden. Irina weinte wie jemand, der versuchte, seinen Körper davon abzuhalten, Dringlichkeit zu verraten.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Claire, sagte sie. Wenn du das siehst, bedeutet es, ich habe versagt oder du bist gegangen, bevor ich es tat. Ich weiß nicht, welche dieser beiden Ideen mich mehr zum Kotzen bringt. Selene spürte, wie Eden sich leicht entfernte. Nicht physisch. In sich selbst. Als gebe er Selenes Mutter den Raum, den sie nie erhalten hatte. Irina fuhr fort:</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Adrien hat einen Gegencode erschaffen. Er hat ihn nicht vollständig mir gegeben. Er hat ihn aufgeteilt. Ein Teil in den Archiven. Ein Teil in Selenes Lied. Ein Teil in Noe, obwohl er zu jung ist, um zu verstehen. Ich weiß, du wirst ihn dafür hassen. Ich tue es auch. Aber er sagt, Erwachsene können sterben; was sie in ihren Kindern verstecken, kann nicht. Selene führte eine Hand zum Mund. Noe. Also war ihr Bruder nicht nur ein manipulierter Idiot. Er trug auch einen Teil des Systems in sich. Vielleicht ohne es zu wissen. Irina beugte sich zur Kamera.</p>
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      <p class="dialogue">&mdash; Wenn Althea das Lily-Protokoll startet, wird sie nicht nur auf die Beweise zielen. Sie wird auf das Gedächtnis zielen. Sie wird Claire wie eine instabile Mutter aussehen lassen, Adrien wie einen gebrochenen Ehemann, mich wie eine hysterische Erbin. Sie weiß, jemanden zu töten ist einfach. Das, was sie hinterlassen, zu beschmutzen, hält länger. Selene spürte, wie kalte Wut ihre Brust füllte. Ihre Mutter. Fünfzehn Jahre lang hatte sie sanfte Sätze gehört. Sie war zerbrechlich. Sie fuhr zu schnell. Sie war eine Weile nicht gut gewesen. Vielleicht hätte sie um Hilfe bitten sollen. Und was, wenn nichts davon unbeholfene Trauer gewesen war? Was, wenn es die erfolgreiche Version des Lily-Protokolls gewesen war? Eine Frau nach ihrem Tod auszulöschen, indem man ihre Angst lächerlich machte. Die Kassette knackte. Irina flüsterte:</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Claire, wenn du da rauskommst, nimm Selene und geh zum Feigenbaum. Adrien wird es wissen. Und wenn du nicht rauskommst ... Sie schloss die Augen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Dann hoffe ich, unsere Kinder vergeben uns, dass wir ihre Kindheit in einen Tresor verwandelt haben. Das Bild brach ab.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - very deep silence, then controlled female breathing]">[AUDIO - very deep silence, then controlled female breathing]</div>
      <p>Selene blieb vor dem schwarzen Bildschirm stehen. Etwas in ihr wollte weinen. Etwas Älteres weigerte sich. Sie war es leid, dass die Toten sie um Verständnis baten. Leid, dass die Lebenden sie ums Überleben baten. Leid, ein Schlüssel zu sein, ein Ziel, ein Lied, ein Fehler, der zu lange geatmet hatte. Sie nahm die Kassette und warf sie gegen die Wand. Nicht hart genug, um sie zu zerbrechen. Hart genug, dass das Geräusch existierte.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - plastic cassette hitting the wall]">[AUDIO - plastic cassette hitting the wall]</div>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich bin kein Tresor, sagte sie. Ihre Stimme zitterte. Es war ihr egal.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich bin kein Archiv. Ich bin kein Beweisstück mit Beinen. Ich bin nicht der Plan B meines Vaters oder der letzte Wunsch deiner Schwester. Eden sprach nicht. Gute Wahl. Sie drehte sich zu ihm um.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wusstest du von Noe?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Was, glaubst du, trägt er in sich?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Vielleicht ein Wort. Ein Datum. Eine Sequenz. Etwas, das er für eine gewöhnliche Erinnerung hielt.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wie ich.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja. Sie lachte freudlos.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wunderbar. Eine ganze Familie in ein Passwort verwandelt. Eden hob die Kassette sanft auf. Er legte sie nicht zurück in den Player. Er stellte sie auf den Tisch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Irina wollte dich nicht benutzen.</p>
    ` },
  { kind: "body", html: `
      <p class="dialogue">&mdash; Sie hat es trotzdem getan. Er nahm das auf.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Mein Vater auch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Meine Mutter vielleicht auch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Vielleicht. Sie starrte ihn an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und du?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja. Immer dieses Ja. Immer diese nackte, unerträgliche Wahrheit, die verhinderte, dass ihre Wut eine saubere Wand fand.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich habe dich benutzt, sagte Eden. Am Anfang.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und jetzt? Er brauchte länger, um zu antworten.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Jetzt versuche ich zu verstehen, wie ich das nicht mehr tue. Der Satz war unzureichend. Er war auch wahrscheinlich der beste, den er hatte. Selene fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Der Feigenduft im Raum machte ihr jetzt übel. Der falsche Zufluchtsort. Der eingeschlossene Zufluchtsort. Der Raum, in dem die Toten Geschenke hinterlassen hatten, die einem die Hände schnitten.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich will hier raus.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; In Ordnung. Sie sah ihn an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Kein Widerspruch?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du lernst schnell.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Bei dir, ja. Sie hasste, dass der Satz etwas mit ihr machte. Selbst hier. Selbst jetzt.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - slow walk through corridor, rain more audible as they climb toward the inner courtyard]">[AUDIO - slow walk through corridor, rain more audible as they climb toward the inner courtyard]</div>
      <p>Sie kehrten nicht sofort in den Hauptraum zurück. Selene hätte es nicht ertragen. Nicht die Masken, nicht die Rosen, nicht die Blicke, hungrig auf den Fall einer Frau, die sie nicht kannten. Eden führte sie zum Innenhof. Der Himmel war noch da. Grau, schwarz, von Regen durchzogen. Sie trat hinaus, ohne auf seine Erlaubnis zu warten. Die kalte Luft schlug ihr ins Gesicht. Sie atmete zu schnell ein. Regen drang in ihren Mund, landete auf ihrer Haut, in ihren Haaren. Es war ihr egal.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - real rain, more present but soft, enclosed courtyard reverberation]">[AUDIO - real rain, more present but soft, enclosed courtyard reverberation]</div>
      <p>Eden blieb unter dem Vordach. Sie drehte sich um.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Hast du Angst vor Wasser?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nutzlose Lungenentzündung.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sehr mafia. Er trat trotzdem in den Regen. Sein Anzug saugte das Wasser sofort auf. Sein schwarzes Haar klebte an seiner Stirn. Er sah weniger unantastbar aus. Es war beunruhigend. Selene verschränkte die Arme, um zu verbergen, dass sie zitterte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich will Noe sehen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Jetzt?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Jetzt.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Er schläft.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Weck ihn. Eden antwortete nicht sofort.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Bist du sicher, dass das der richtige Moment ist?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Sie lachte, aber das Geräusch zerbrach.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Aber offenbar hat niemand in dieser Familie auf den richtigen Moment gewartet, um Dinge in meinem Schädel zu verstecken, also arbeite ich mit dem, was ich habe.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; In Ordnung. Sie sah ihn an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Lässt du mich entscheiden, weil du denkst, ich breche zusammen, wenn du widerstehst?</p>
    ` },
  { kind: "body", html: `
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Warum dann?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Weil du recht hast. Der Regen füllte die Stille zwischen ihnen. Selene spürte plötzlich die Müdigkeit durch sich hindurchgehen, gewaltig, brutal. Ihre Knie hätten nachgeben können. Sie taten es nicht. Eden machte einen Schritt. Blieb stehen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Darf ich dich berühren? Sie schloss die Augen. Absurde Frage. Notwendige Frage.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Um was zu tun?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Dich davon abzuhalten zu fallen, falls du fällst.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und wenn ich nicht falle?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nichts. Sie öffnete die Augen wieder.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du kannst in der Nähe bleiben. Mich nicht festhalten.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; In Ordnung. Er blieb in der Nähe. Nah genug, dass sie trotz des Regens seine Wärme spüren konnte. Nicht nah genug, um sie zu nehmen. Selene wollte ihre Stirn an ihn lehnen. Sie tat es nicht. Diese Weigerung war auch eine Wahl. Und sie musste sich daran erinnern, dass sie noch welche hatte.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - return to basement, neon lights, metal door, security beep]">[AUDIO - return to basement, neon lights, metal door, security beep]</div>
      <p>Noe schlief schlecht. Selbst bewusstlos sah er schuldig aus. Selene betrat den weißen Raum mit nassen Haaren, dem schwarzen Kleid, das an ihrer Haut klebte, und der Müdigkeit der Offenbarung, die an ihren Knochen hing. Eden blieb draußen, sichtbar durch das Glas. Sie hatte ihn gebeten, nicht hereinzukommen. Er hatte es akzeptiert. Ein weiteres kleines, beunruhigendes Wunder. Noe öffnete die Augen, als sie den Stuhl herauszog.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Selene?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wach auf. Er richtete sich mühsam auf.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Was ist los? Sie legte Irinas kleines grünes Notizbuch auf den Tisch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Anscheinend hat Dad einen Teil des Gegencodes in dir versteckt. Noe starrte sie an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Was?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Spiel nicht zu schnell den Unschuldigen. Es spart dir Energie.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich schwöre, ich weiß nicht, wovon du redest. Sie sah ihn an. Wirklich sah ihn an. Er wirkte erschöpft, verängstigt, verloren. Nicht wie ein Mann, der freiwillig ein Geheimnis bewahrte. Eher wie jemand, der seine Hand in eine Maschine gesteckt hatte, ohne zu verstehen, dass sie noch lief.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Hat Dad dir etwas hinterlassen? Einen Satz, ein Datum, ein Lied, einen Gegenstand? Etwas, das er mir nicht gegeben hat? Noe öffnete den Mund. Schloss ihn. Da.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Noe. Er senkte den Blick.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Es gab einen Satz. Selene spürte, wie ihr Herz sich aufhielt.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sag ihn.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich dachte, es sei nur ... eine Sache zwischen uns.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sag ihn. Noe rieb sich das Gesicht.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Er sagte immer: »Wenn deine Schwester die Tür vergisst, erinnere sie an die Beere. Wenn sie das Herz vergisst, erinnere sie an die Rose. Wenn sie vergisst, wo sie schlafen soll, erinnere sie an den Feigenbaum. Wenn sie lügt, um zu überleben, erinnere sie an die Tuberose. Wenn sie zu den Toten spricht, erinnere sie daran, dass die Lilie nicht antwortet.« Selene blieb still. Das Lied. Aber anders. Nicht die Eingangsversion. Eine Spiegelversion. Noe trug den Gegencode in sich. Kein Schlüssel. Eine Korrektur. Sie wollte lachen. Schreien. Ihren toten Vater mit etwas Schwerem schlagen.</p>
    ` },
  { kind: "body", html: `
      <p class="dialogue">&mdash; Irina hatte ein Zimmer ohne Schloss, sagte sie.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du hast mir dasselbe gegeben. Eden verstand, was sie fragte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich habe nicht darüber nachgedacht.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wirklich?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wirklich. Sie sah ihn lange an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Das ist fast schlimmer.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich weiß. Die Tür zu ihrem Zimmer war angelehnt. Selene wurde starr. Sie war sicher, sie geschlossen zu haben. Eden stellte sich sofort vor sie, die Waffe gezogen. Dieses Mal protestierte sie nicht. Er ging hinein. Stille. Dann:</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Niemand. Selene trat nach ihm ein. Das Zimmer schien intakt. Ungemachtes Bett. Morgen-Tablett entfernt. Kerzenbox auf dem Tisch. Aber die Feigen-Kerze war angezündet worden. Eine niedrige, gleichmäßige Flamme. Und auf dem Badezimmerspiegel, geschrieben mit Dampf oder mit einem unsichtbaren Produkt, das durch Hitze sichtbar wurde: Ein Zufluchtsort ist nur nützlich, wenn sie glaubt, allein darin zu sein. Selene spürte, wie die Müdigkeit verschwand. Nicht ersetzt durch Angst. Durch etwas Härteres. Eden überprüfte das Bad, die Schränke, die Ecken.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Geh raus.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Selene.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Sie trat an den Spiegel. Die Buchstaben begannen bereits zu verblassen. Sie machte ein Foto mit ihrem Handy.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie wollen, dass ich an jedem Ort zweifle, wo ich atmen kann.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Also gebe ich ihnen das nicht. Sie nahm die Feigen-Kerze.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Hast du ein anderes Zimmer?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Gib es jemand anderem. Eden starrte sie an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du willst hier bleiben?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Jemand war hier drin.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Eben. Sie stellte die Kerze auf den Tisch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Dieses Zimmer wird nützlich, wenn ich weiß, dass es eine Falle ist. Wie Irinas. Edens Ausdruck veränderte sich.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du willst die Falle umdrehen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich will aufhören, innerhalb der Angst anderer Leute umzuziehen. Er schwieg. Dann nickte er.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sehr wohl.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Aber du gibst mir ein Innenschloss.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und eine Kamera nur im Flur.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und ich will wissen, wer Zugang hatte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du wirst es erfahren. Sie hätte zufrieden sein sollen. War sie nicht. Die Feigen-Kerze brannte zwischen ihnen. Eingeschlossener Zufluchtsort. Aber dieses Mal wich Selene nicht zurück. Sie blies die Flamme selbst aus.</p>
      <div class="audio-cue" data-audio="[AUDIO - short breath, flame going out, silence]">[AUDIO - short breath, flame going out, silence]</div>
      <p>In der plötzlichen Dunkelheit des Zimmers sagte Eden:</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du veränderst dich schnell. Selene beobachtete den Rauchfaden aufsteigen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Sie dachte an ihre Mutter, an Irina, an Noe, an ihren Vater, an jede Tür, die in ihr geöffnet worden war ohne Erlaubnis.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich komme zu mir selbst zurück. Im selben Moment vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von Maelys. Ich habe gerade eine Kassette vor meiner Tür bekommen. Dein Name steht drauf. Und sie riecht nach Feige. Selene hielt Eden das Display hin. Sein Gesicht verschloss sich. Das Zimmer war nicht die Falle. Es war die Probe. Der wahre Zufluchtsort, den es umzudrehen galt, hatte gerade die Adresse gewechselt.</p>
    ` },
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      <p class="dialogue">&mdash; Irina hatte ein Zimmer ohne Schloss, sagte sie.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du hast mir dasselbe gegeben. Eden verstand, was sie fragte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich habe nicht darüber nachgedacht.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wirklich?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Wirklich. Sie sah ihn lange an.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Das ist fast schlimmer.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich weiß. Die Tür zu ihrem Zimmer war angelehnt. Selene wurde starr. Sie war sicher, sie geschlossen zu haben. Eden stellte sich sofort vor sie, die Waffe gezogen. Dieses Mal protestierte sie nicht. Er ging hinein. Stille. Dann:</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Niemand. Selene trat nach ihm ein. Das Zimmer schien intakt. Ungemachtes Bett. Morgen-Tablett entfernt. Kerzenbox auf dem Tisch. Aber die Feigen-Kerze war angezündet worden. Eine niedrige, gleichmäßige Flamme. Und auf dem Badezimmerspiegel, geschrieben mit Dampf oder mit einem unsichtbaren Produkt, das durch Hitze sichtbar wurde: Ein Zufluchtsort ist nur nützlich, wenn sie glaubt, allein darin zu sein. Selene spürte, wie die Müdigkeit verschwand. Nicht ersetzt durch Angst. Durch etwas Härteres. Eden überprüfte das Bad, die Schränke, die Ecken.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Geh raus.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Selene.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Nein. Sie trat an den Spiegel. Die Buchstaben begannen bereits zu verblassen. Sie machte ein Foto mit ihrem Handy.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sie wollen, dass ich an jedem Ort zweifle, wo ich atmen kann.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Also gebe ich ihnen das nicht. Sie nahm die Feigen-Kerze.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Hast du ein anderes Zimmer?</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Gib es jemand anderem. Eden starrte sie an.</p>
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      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Jemand war hier drin.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Eben. Sie stellte die Kerze auf den Tisch.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Dieses Zimmer wird nützlich, wenn ich weiß, dass es eine Falle ist. Wie Irinas. Edens Ausdruck veränderte sich.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du willst die Falle umdrehen.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ich will aufhören, innerhalb der Angst anderer Leute umzuziehen. Er schwieg. Dann nickte er.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Sehr wohl.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Aber du gibst mir ein Innenschloss.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und eine Kamera nur im Flur.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Ja.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Und ich will wissen, wer Zugang hatte.</p>
      <p class="dialogue">&mdash; Du wirst es erfahren. Sie hätte zufrieden sein sollen. War sie nicht. Die Feigen-Kerze brannte zwischen ihnen. Eingeschlossener Zufluchtsort. Aber dieses Mal wich Selene nicht zurück. Sie blies die Flamme selbst aus.</p>
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